Wo enden verschwendete Lebensmittel?

Endstadion Abfalleimer?

Die meisten von uns machen sich wohl wenig Gedanken darüber, was mit den Lebensmitteln passiert, die wir wegwerfen. Doch die direkten und indirekten Folgen der Lebensmittelverschwendung sind riesig. Lebensmittelabfälle werden eingesammelt und in den meisten Ländern entweder in Deponien entsorgt oder verbrannt. In der Schweiz landen pro Person jährlich rund 60kg Lebensmittel in der Kehrichtverbrennungsanlage  (BAFU, 2013). Gemäss foodwaste.ch sind es täglich 320g Lebensmittel pro Person und pro Tag alleine im Haushalt. 


Abfallsammlung für Lebensmittelabfälle

Die Entsorgung von Lebensmitteln hat grosse Auswirkungen auf die empfindlichen Ökosysteme der Erde. Organischen Abfälle (Lebensmittel- und Grünabfälle) sind mit 44 % aller weltweiten Abfälle die grösste Abfallkategorie. Laut Schätzungen machen organische Abfälle in einkommensschwachen Ländern durchschnittlich bis zu 56 % der gesamten kommunalen Abfälle aus, in Ländern mit mittlerem Einkommen 53 % und in Ländern mit hohem Einkommen rund 32 % (World Bank Group, 2018).

Derzeit gibt es weder in der Schweiz noch in der EU verbindliche Vorschriften für die Sammlung von organischen Abfällen. In dreizehn Mitgliedstaaten der EU wurden eigene Initiativen eingeführt, nach denen Bioabfälle einschliesslich der Lebensmittelabfälle getrennt vor den Häusern abgeholt werden (EURActiv, 2017).

  • Die Schweiz hat mit 716 kg Abfall pro Person pro Jahr eines der höchsten Abfallaufkommen der Welt (BAFU, 2018).
  • Laut einer Erhebung der Kehrichtszusammensetzung vom BAFU sind davon rund 60kg vermeidbare Lebensmittelabfälle.
  • In der EU betrug die durchschnittlich produzierte Abfallmenge pro Kopf im Jahr 2017 ungefähr 487 kg (Eurostat, 2017)
  • Bioabfälle machten im Durchschnitt 37 % der gesamten Siedlungsabfälle in Europa aus, es gab aber deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Mitgliedstaaten (Bräutigam et al., 2014).
  • Die verschiedenen Länder gehen mit ihren kommunalen Abfällen unterschiedlich um (OECD, 2019). Derzeit wird jedoch mehr als die Hälfte weder rezykliert noch wiederverwertet. 


Mülldeponien und Kehrichtverbrennungsanlagen

Noch heute wird ein grosser Teil der organischen Abfälle weder rezykliert noch wiederverwertet: Die organischen Abfälle und mit diesen auch die weggeworfenen Lebensmittel landen in den meisten Teilen der Welt entweder in Mülldeponien oder werden verbrannt. In Mülldeponien zersetzen sich die Lebensmittel und gelangen in den Boden und in die Luft, was schwere Schäden für die Umwelt zur Folge hat. Kehrichtverbrennungsanlagen produzieren zwar Energie, gleichzeitig fördern sie aber einen verschwenderischen Umgang und haben negative Auswirkungen auf Menschen und Umwelt. Mülldeponien und Kehrichtverbrennungsanlagen sind damit klar die schlechtesten Arten der Lebensmittelentsorgung. 


Mülldeponien:

  • In der Schweiz wurde die Ablagerung brennbarer Abfälle in Deponien ab dem 1. Januar 2000 verboten (BUWAL, 1999).
  • Mülldeponien sind weltweit zunehmend überfüllt (Curry & Pillay, 2012).
  • Allein in der EU gibt es ungefähr eine halbe Million Mülldeponien (The Financial Times, 2018). Bis 2016 müssen die abbaubaren kommunalen Abfälle auf 35 % der Menge reduziert werden, die 1995 in Deponien abgelagert wurde (Europäische Union, 1999).
  • Lebensmittelabfälle machen rund 21 % des Volumens der Mülldeponien aus (FAO 2016).
  • In Australien gelangen 5 Millionen Tonnen Lebensmittel in die Mülldeponien, das entspricht dem Volumen von 9'000 olympischen Schwimmbecken (OzHarvest, 2019).
  • In den USA landen Schätzungen zufolge 22 % der Lebensmittelabfälle in Mülldeponien (EPA, 2015).


Warum sind Mülldeponien ein Problem?

  • Mit dem Regen lösen sich in den Mülldeponien organische und anorganische Komponenten auf und können als hochgiftige Chemikalien ins Grundwasser gelangen, sodass sie unter anderem die Bodenfruchtbarkeit der umliegenden Gebiete beeinträchtigen können (Scienceing, 2018). 
  • Mülldeponien in der näheren Umgebung können neben anderen kurz- und langfristigen gesundheitlichen Auswirkungen unter anderem Krebs, Geburtsfehler, Kopfschmerzen oder Allergien verursachen (Maheshwari et al., 2015; Saffron et al., 2003).
  • Bei der anaeroben Zersetzung der organischen Materialien wird Methan freigesetzt, das als schädliches Treibhausgas in die Atmosphäre gelangt und den Klimawandel vorantreibt. Weiterführende Informationen dazu erhältst du hier




Verbrennung

  • Kehrichtverbrennungsanlagen verbrennen die Abfälle und verwenden die dabei freigesetzte Wärme zur Erzeugung von Energie. 

  • Die Verbrennung von Abfällen zur Energieproduktion untergräbt die EU-Bemühungen für die Wiederverwertung, da die Abfälle in Verbrennungsanlagen gebracht werden, anstatt sie wiederzuverwerten (Europäische Kommission, 2015Europäisches Parlament, 2008).
  • Die EU hat nun verschiedene Massnahmen ergriffen. So wurden beispielsweise Fördermittel für Verbrennungsanlagen gekürzt (Zero Waste Europe, 2018), während die Verpflichtungen zur Mülltrennung noch immer gelten (Zero Waste Europe, 2018).

Weshalb ist die Verbrennung ein Problem?



Abfall als Ressource

Bis 2035 sollen in der EU 65 % der kommunalen Abfälle wiederverwertet werden (European Commission, 2018)In einer Kreislaufwirtschaft sollen die Lebensmittelabfälle weiterverwertet werden und nicht mehr in Mülldeponien abgelagert oder verbrannt werden. Lebensmittelabfälle sollen als wertvolle Ressourcen angesehen werden. So können Lebensmittelabfälle beispielsweise als Tierfutter wiederverwendet werden können, anstatt andere Proteinquellen dafür zu verwenden. Eine weitere Möglichkeit ist Weiterverwertung als Biogas oder Kompost.


Tierfutter

Der Fleisch- und Milchkonsum ist weltweit bereits massiv angestiegen. Aufgrund des höheren Konsums muss folglich auch mehr Tierfutter produziert werden. Dadurch werden die natürlichen Ressourcen und das Klima unseres Planeten erheblich unter Druck gesetzt. Eine Möglichkeit besteht also darin, Lebensmittelabfälle wiederzuverwenden, anstatt Getreide oder Kulturpflanzen in Gebieten anzubauen, in welchen dafür Wälder abgeholzt werden.

  • Die globale Fleischproduktion wird sich voraussichtlich von den 229 Millionen Tonnen im Jahr 1999 auf 465 Millionen Tonnen im Jahr 2050 verdoppeln (FAO, 2006).
  • Die Milchproduktion wird von 580 Millionen Tonnen auf 1 Milliarde Tonnen steigen (FAO, 2006).
  • Seit Mitte der Vierzigerjahre ist der Fleischkonsum weltweit auf ein Fünffaches gestiegen (Proteinsect, 2016).
  • 80 % der Agrarfläche und über 30 % der Landfläche werden bereits für die Viehwirtschaft genutzt (FAO & LEAD, 2006; OurWorldinData,2017).
  • In der EU liefert der Gesamtanbau an Proteinpflanzen nur ungefähr 30 % der Proteine, die in der EU als Tierfutter konsumiert werden. Der Rest wird hauptsächlich aus Brasilien und aus den USA importiert (ITC, 2017).
  • Jährlich importiert die EU ungefähr 17 Millionen Tonnen Rohproteine (European Commission, 2018).
  • Diese Importe entsprechen einem Anbaugebiet von 20 Millionen Hektar, mehr als 10 % des Ackerlands der EU (Proteinsect, 2016).


Dieses Proteindefizit der EU muss dringend angegangen werden, indem die importierten Proteinpflanzen durch alternative Quellen in Europa ersetzt werden

  European Parliament, 2011


Ein ungenügend genutztes Potenzial

  • Laut Schätzungen werden in der EU jährlich ungefähr 3,5 Millionen Tonnen Lebensmittel zu Tierfutter weiterverarbeitet, wobei diese Menge auf 7 Millionen Tonnen erhöht werden kann (Quadram Institute, 2018).
  • Die Schwarze Soldatenfliege kann Lebensmittelabfälle in alternative Proteinquellen umwandeln und erzeugt zudem ein Nebenprodukt, das zu Düngemittel oder Biodiesel verarbeitet werden kann (Proteinsect, 2016).
  • Wenn Lebensmittelabfälle in Europa in der gleichen Grössenordnung zu Spültrank verarbeiten würden wie in Ostasien, könnte man die notwendige Ackerfläche für den Anbau von Schweinefutter um 20 % reduzieren, was ungefähr der Fläche von Wales entspricht (Zu Ermgassen et al., 2016).




Biogas und Kompostierung

Lebensmittel sind reich an Energie, Nährstoffen und Mineralien. Anstatt sie auf Mülldeponien zersetzen zu lassen oder zu verbrennen, kann man sie recyceln und ihnen neuen Wert verleihen. Lebensmittelabfall kann als Ressource für die Energiegewinnung durch Biogas, oder als wertvolles, natürliches Düngemittel für andere Pflanzen genutzt werden.

Biogas 

  • Biogas entsteht, wenn organisches Material (pflanzliche und tierische Produkte) in einer sauerstofffreien Umgebung von Bakterien zersetzt wird. Dieser Prozess wird als anaerobe Gärung bezeichnet (BioConstruct, 2008).
  • Die durch die Biogasanlage umgewandelten Gase eignen sich danach zur Energiegproduktion (Achinas et al., 2017).
  • Die Gärrückstände können zu Düngemitteln weiter verarbeitet werden, da sie weiterhin viele Nährstoffe enthalten (Environmental and Energy Study Institute, 2017; European Commission, 2013).
  • In der Schweiz werden jährlich rund 1.2 Million Tonnen biogene Abfälle in 368 Kompost- und Vergärungsanlagen verwertet und zu Kompost und Gärgut verarbeitet (BAFU, 2019). 
  • Die 17'400 Biogasanlagen der EU (Stand 2015) produzieren 18 Milliarden Kubikmeter Erdgas (654 PJ), was der Hälfte der globalen Biogasproduktion entspricht (Scarlat et al., 2017).
  • Europa ist somit mit einer Produktion von 1,4 Milliarden Kubikmeter Erdgas weltweit führender Hersteller von Bioerdgas zur Verwendung als Fahrzeugkraftstoff oder zur Einspeisung in das Erdgasnetz (Oxford Institute for Energy Studies, 2017).


Kompostierung

  • Bei der Kompostierung werden die Lebensmittel anhand Mikroorganismen aerob zersetzt (also mit Sauerstoff). Dadurch können Düngemittel hergestellt werden (EcoProducts, 2014).
  • Die Kompostierung in Behältern ist eine beliebte Methode geworden, bei der Lebensmittelabfälle in einer abgeschlossenen Umgebung kompostiert werden, wobei der Feuchtigkeitsgrad, die Temperatur und der Sauerstoffgehalt genau kontrolliert und überwacht werden (RecycleNow, 2016).
  • In der EU sind Österreich, Holland, Belgien und Luxemburg die einzigen Staaten, in welchen mehr als 20 % der Lebensmittelabfälle kompostiert werden (European Commission, 2015).
  • Weitere Informationen über die verschiedenen Kompostierungsmethoden in Europa findest du hier.
  • Du möchtest selber zu kompostieren beginnen? Hier findest du einige Tipps